Gesundheitsforum
Nierenerkrankungen: So können Sie vorbeugen
Ohne unsere Nieren wäre unser Blut binnen kurzer Zeit mit Giftstoffen überschwemmt. Genau das passiert bei Patienten, bei denen diese lebenswichtigen Entgiftungsorgane nicht mehr richtig funktionieren: Sie müssen regelmäßig an ein „Dialysegerät“ (künstliche Niere) angeschlossen werden, um überleben zu können. Um dem vorzubeugen, sollten wir unsere Nieren gut behandeln und alles dafür tun, dass sie lange gesund bleiben. Das Problem: Ähnlich wie die Leber „leiden“ auch die Nieren lange Zeit stumm, ehe eine Nierenerkrankung überhaupt Symptome verursacht. Und dann ist die Krankheit meist schon weit fortgeschritten. Aber zum Glück gibt es gute Vorbeugungs- und Früherkennungsmöglichkeiten. Wir sprachen mit Dr. Hasan Konyar, Dr. Friedhelm Hamler und Dr. Dirk Politt von der Esslinger Schwerpunktpraxis für Diabetologie und Nephrologie.
Was kann man tun, um seine Nieren gesund zu erhalten?
Dr. Konyar: Eine der wichtigsten Vorbeugungsmaßnahmen besteht – so simpel sich das auch anhören mag – darin, auf sein Gewicht zu achten. Denn wer normalgewichtig ist, bekommt in der Regel keinen Bluthochdruck, keinen Typ-2-Diabetes und auch keine Fettstoffwechselstörung; und das sind schon mal drei wichtige Voraussetzungen dafür, dass die Nieren gesund bleiben. Denn alle drei Erkrankungen schädigen die feinen Blutgefäße der Nierenkörperchen, die für eine ungestörte Filterfunktion unentbehrlich sind.
Dr. Politt: Deshalb ist es auch sinnvoll, seinen Blutdruck und seine Blutzucker- und Blutfettwerte regelmäßig überprüfen zu lassen. Wenn sich dabei herausstellen sollte, dass die Werte nicht optimal sind, muss man nachschauen, ob die Nieren des Patienten bereits hochdruck- oder diabetesgeschädigt sind. Es gibt einen Test auf Ausscheidung von Eiweiß im Urin, anhand dessen man eine Nierenschädigung einfach und frühzeitig feststellen kann, um dann sofort therapeutisch einzugreifen. Denn je früher eine Nierenerkrankung behandelt wird, umso eher kann man ihr Fortschreiten verlangsamen und manchmal sogar völlig zum Stillstand bringen.
Dr. Konyar: Mittlerweile sind die Hausärzte zum Glück sehr stark für die Bedeutung von Nierenerkrankungen sensibilisiert, sodass sie ihre Patienten sehr frühzeitig zu uns schicken. Und Nierenchecks werden ja teilweise auch schon in Apotheken angeboten.
Wie kommt es zu einer Nierenschädigung?
Dr. Hamler: Das hängt von der Grunderkrankung ab. Die häufigsten Ursachen (zu hoher Blutdruck und Diabetes) schädigen die kleinen Nierenkörperchen, die Glomeruli, die das Blut filtern. Bei seiner Geburt besitzt jeder Mensch rund eine Million solcher Nierenkörperchen, die der Körper leider nicht reproduzieren kann. Sobald 800 000 Nierenkörperchen abgestorben sind, muss der Patient an die Dialyse. Unser Ziel muss also sein, diese Nierenkörperchen am Leben zu erhalten.
Gibt es denn auch Nahrungsmittel und Medikamente, die den Nieren schaden können und die man deshalb lieber meiden sollte?
Dr. Hamler: Hoher Kochsalzkonsum ist problematisch, weil er die Entstehung von Bluthochdruck begünstigt. Es gibt auch pflanzliche Präparate, die die Nieren schädigen (z. B. Aristocholsäure, war enthalten in chinesischen Kräutern zur Gewichtsreduktion). Unter den Medikamenten sind es insbesondere Schmerzmittel vom Typ der nichtsteroidalen Antiphlogistika, die für die Nieren problematisch sind – also entzündungshemmende Mittel wie Diclofenac oder Ibuprofen, die bei Rückenschmerzen, Arthrosen und anderen rheumatischen Beschwerden häufig verschrieben werden. Die sollte man möglichst nicht über längere Zeit einnehmen. Auch Antibiotika und Kontrastmittel, wie sie bei Herzkatheter- oder radiologischen Untersuchungen eingesetzt werden, können der Niere schaden.
Gibt es denn auch genetisch bedingte Nierenerkrankungen?
Dr. Konyar: Ja, z. B. die Zystenniere, bei der die Niere von Hohlräumen durchsetzt ist, die das funktionstüchtige Nierengewebe allmählich immer weiter verdrängen, bis der Patient schließlich dialysepflichtig wird. Das ist die häufigste erblich bedingte Nierenerkrankung, die für fast 10 % aller Dialysefälle verantwortlich ist und gegen die es leider keine vorbeugenden Maßnahmen gibt.
Wie steht es mit der Nierentransplantation – ist das eine sinnvolle Alternative zur Dialyse?
Dr. Hamler: Ja, eine Transplantation sollte bei hierfür geeigneten Patienten unbedingt durchgeführt werden, denn es ist nachgewiesen, dass das Überleben sich dadurch verlängert.
Gibt es hier eine Altersgrenze?
Dr. Hamler: Nein. Entscheidend ist der Allgemeinzustand des Patienten. Es gibt 50-jährige Patienten, die man nicht transplantieren kann, und 70-Jährige, bei denen eine Transplantation ohne weiteres noch möglich ist. Gründe, die gegen eine Transplantation sprechen, sind z. B. Tumorleiden oder schwere Infektionserkrankungen, die nicht sanierbar sind. Anderen dialysepflichtigen Patienten würde ich auf jeden Fall zu einer Transplantation raten.
Welche Ursachen bzw. Risikofaktoren gibt es für die Entstehung von Nierenkrebs? Kann man dieser Erkrankung auch vorbeugen?
Dr. Politt: Bis zu einem gewissen Grad schon. Zu den Risikofaktoren gehört z. B. das Rauchen: Je mehr Zigaretten jemand pro Tag raucht, je eher er mit dem Rauchen begonnen hat und je länger er raucht, umso größer ist die Gefahr, ein Nierenzellkarzinom zu entwickeln. Die regelmäßige, länger anhaltende Einnahme von Schmerzmitteln (z. B Mischpräparate, die Codein und Antirheumatika enthalten) erhöht das Krebsrisiko ebenfalls. Aber auch bei chronisch degenerierten Nieren, also bei Dialysepatienten, treten bösartige Nierentumoren besonders häufig auf; diese Patienten werden daher alle halben Jahre per Ultraschall auf krebsverdächtige Veränderungen der Nieren untersucht.
Wie diagnostizieren Sie Nierenerkrankungen in Ihrer Praxis?
Dr. Hamler: Zur Früherkennung einer Niereninsuffizienz ist, wie gesagt, ein Test auf Eiweiß im Urin sinnvoll. Bei Verdacht auf Nierenzellkrebs wird der Urin auf mikroskopische Spuren von Blut untersucht. Mit bildgebenden Verfahren wie Ultraschall, Computer- oder Kernspintomografie kann man Lage und Größe des Tumors feststellen.
Manchmal ist auch eine Nierenpunktion erforderlich (insbesondere bei Autoimmunerkrankungen oder unklaren Krankheitsbildern). Dabei entnehmen wir mithilfe einer speziellen Punktionsnadel ein kleines Stück Nierengewebe, das anschließend feingeweblich untersucht wird. Dazu muss der Patient morgens nüchtern in die Praxis kommen, und wir entnehmen ihm in Bauchlage unter Ultraschallkontrolle und örtlicher Betäubung, sodass er von dem kleinen Eingriff garantiert nichts spürt, die Gewebeprobe.
Mit unseren automatisierten Biopsiesystemen mit „Schussautomatik“ können wir solche Nierenpunktionen sehr risikoarm durchführen: Vorschub und Zurückziehen der Hohlnadel laufen automatisch ab, wodurch viel weniger Verletzungen entstehen, als wenn man das alles manuell machen würde.
Der Patient wird dann noch ungefähr zwölf Stunden lang bei uns nachüberwacht; und wenn er kein Blut im Urin hat, entlassen wir ihn nach einer abschließenden Ultraschalluntersuchung abends wieder nach Hause mit der Maßgabe, dass er noch weitere zwölf Stunden lang im Bett bleiben soll. Am nächsten Tag schauen wir dann per Ultraschall noch mal nach, ob an der Punktionsstelle alles in Ordnung ist. Einen vorläufigen Befund erhalten wir nach zwei Tagen, der endgültige Befund dauert ca. sieben Tage.
Kooperation zwischen Praxis und Klinik
Kooperation zwischen Praxis und Klinikum garantiert wohnortnahe exzellente Versorgung
Die Esslinger Schwerpunktpraxis für Nephrologie setzt auf enge Zusammenarbeit mit dem Klinikum Esslingen. „Schon seit Jahren“, so Dr. Hamler, einer der vier Gesellschafter der Praxis, „bemühen wir uns mit dem Klinikum Esslingen zusammenzuarbeiten, weil wir der Meinung sind, dass eine solche Kooperation für uns als große nephrologische Praxis wichtig ist, damit wir für unsere Patienten stets eine leistungsfähige Klinik im Hintergrund haben. Darüber hinaus profitieren wir natürlich fachlich auch davon, dass wir in die Versorgung der Patienten im Klinikum eng eingebunden sind. Auf der anderen Seite können wir als erfahrene nephrologische Praxis vor Ort natürlich auch das Weiterbestehen einer nephrologischen Versorgung der Patienten am Klinikum sichern. Diese Kooperation läuft seit Anfang Juli 2009. Das heißt, wir haben die am Klinikum vorhandene Dialyse einschließlich des dort beschäftigten Personals übernommen und führen dort stationäre und ambulante Dialysebehandlungen durch. So können wir garantieren, dass immer ein Nephrologe im Klinikum anwesend ist. Dies schließt auch einen Bereitschaftsdienst rund um die Uhr, auch am Wochenende, ein. Seit Anfang Januar haben wir noch einen weiteren Kollegen, Dr. Christoph Eberhard, der zehn Jahre in der Nephrologie am Stuttgarter Katharinenhospital tätig war.
Diese Zusammenarbeit hat für die Patienten in Esslingen und im Landkreis Esslingen einen großen Vorteil. Früher mussten wir sie nach Stuttgart schicken, heute können sie im Klinikum Esslingen weiterbehandelt werden. Die wohnortnahe Versorgung ist nicht nur für Patienten, sondern auch für ihre Angehörigen von großem Vorteil.